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Judenstern

Andere Lebenswege

Unter den 1935 „durch Tod und Auswanderung ausgeschiedenen“ 3000 Ärzten im „Reichsmedizinalkalender“, befinden sich mit Prof. Dr. Paul Krause aus Münster und Prof. Dr. Richard Werner aus Heidelberg zwei prominente Strahlentherapeuten und -forscher, beide ehemals Präsidenten der „Deutschen Röntgen-Gesellschaft“. Während Paul Krause nach monatelangen Drangsalierungen durch national­sozialistische Studenten am 7. Mai 1934 62-jährig den Freitod wählte, emigrierte der Heidelberger Krebstherapeut Richard Werner nach Brünn, wo er einen Teil seiner medizinischen Ausbildung absolviert hatte. Er übernahm dort die Leitung der neu eingerichteten Krebsklinik „Haus des Trostes“, die er bis zum Beginn der deutschen Okkupation im März 1939 innehatte. Werners Lebensweg endete rund 70-jährig am 8. Februar 1945, kurz bevor das Ghetto Theresienstadt befreit werden konnte.

Fünf Wochen nach dem Inkrafttreten der Approbationsentziehung folgte die sogenannte „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938. Nachdem in vielen Orten Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Geschäfte geplündert worden waren, wurden als vermeintliche Anstifter überall jüdische Männer verhaftet, darunter auch der Leiter der Tuberkuloseheilstätte Nordrach in Baden, Dr. Nehemias Wehl. Mit zahlreichen anderen jüdischen Bürgern war er eine Woche lang im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und misshandelt worden. Diese reichsweite Aktion stand im Zusammenhang mit der Radikalisierung der anti-jüdischen Politik, die bereits zwei Jahre später in die beginnenden Deportationen – zunächst in das Lager Gurs in Frankreich, dann „in den Osten“ – münden sollte. Das Klima der Angst unter der jüdischen Bevölkerung wurde stetig geschürt, nicht zuletzt auch durch eine weitere Stigmatisierung, denn in der seit 1939 obligatorischen Kennkarte war bei Juden ein „J“ eingestempelt oder auf­gedruckt. Ebenfalls ab 1939 wurden die Zwangsvornamen „Israel“ und „Sara“ zur noch schnelleren Identifizierung bei Ausweiskontrollen eingeführt, 1941 das Tragen des sogenannten „Judensterns“.

Ende September 1942 wurde Dr. Wehl mit seinen letzten noch verbliebenen Patientinnen in das Vernichtungslager Treblinka deportiert; er wurde später für tot erklärt. Von insgesamt 15 in Ghettos und Konzentrationslager deportierten strahlenmedizinisch tätig gewesenen Ärzten überlebte einzig Prof. Dr. med. Alfred Wolff-Eisner die grausamen Lebensumstände der Lager. Seine medizinischen Erfahrungen als „Krankenbehandler“ im Ghetto Theresienstadt verarbeitete Prof. Dr. Wolff-Eisner in dem lesenswerten Bericht „Über Mangelerkrankungen auf Grund von Beobachtungen im Konzentrationslager Theresienstadt“ (Würzburg 1947); er gibt auch einen guten Einblick in das Alltagsleben und Sterben in diesem „Alten-Ghetto“.

Innenhof Synagoge Wiesbaden, Sammelstelle für Deportation jüdischer Bürger (bpk 30009538)

„Arbeit macht frei“, Tor zum Ghetto Theresienstadt (bpk 30018872)

Kennkarte Nehemias Wehl,
Historischer Verein Nordrach

Alfred Wolff-Eisner (1927) (Ullstein-Bild,
Nr. 00090879)

Foto Paul Krause mit Unterschrift

(Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen 50 (1934), S.183)

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